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Michael hat alles andere als eine behütete Kindheit. Als Baby einer ledigen Mutter Anfang der sechziger Jahre ins Kinderheim gegeben, weiß er nicht, was Eltern sind. Im Alter von fünf Jahren wird er von Inge und Joachim als Pflegekind aufgenommen. Michael, glücklich eine Familie zu haben, ahnt nicht, dass er vor einem Martyrium steht. Überfordert mit dem Heimkind und wütend auf ihr eigenes Versagen als Mutter richtet Inge all ihre Wut gegen Michael, misshandelt ihn körperlich und psychisch. Während ihre Übergriffe immer heftiger werden, entwickelt er seine eigenen Strategien, um seine Würde zu schützen, zu überleben, zu leben. 

Erst spät beginnt Michael, die Beweggründe seiner leiblichen Eltern zu hinterfragen, zu verstehen und die schicksalhafte Verbindung zu ihnen zu erkennen. 

Dieses Buch ist das spannend und lebendig erzählte Psychogramm eines jungen Mannes, seiner  leiblichen und seiner Pflegeeltern vor dem Hintergrund der düsteren und emotional kalten Zeit des späten Nachkriegsdeutschland der sechziger Jahre.

 

420 Seiten

Franzius Verlag, 07.10.2015

ISBN 978-3-945509-86-9

Preis: 14,90 €, ebook 4,90 €

Leseprobe

1959

 

 „Herzlichen Glückwunsch, Frau Bachmann“, sagte der kleine dicke Arzt zu Maria. „Sie sind schwanger.“

Er setzte sich nach der Untersuchung wieder hinter seinen schweren und klobigen Holzschreibtisch und strahlte Maria an. Sie war eine schlanke junge Frau von 21 Jahren. Ein graues Stirnband befreite ihr blasses Gesicht von ihren langen schwarzen Haaren, die in Wellen auf ihren Schultern lagen und ihre Lippen waren mit einem dunklen Rot geschminkt. Sie sah den Arzt, der sie freundlich anlächelte,  aus ihren klaren, grünen Augen schweigend an.

„In diesen schweren Zeiten nach dem Krieg brauchen wir stramme Jungs, die uns beim Wiederaufbau helfen“, fuhr er fort.

Es war Sommer 1959 und der Zweite Weltkrieg war schon 14 Jahre vorbei, aber die Spuren waren in Hamburg noch deutlich sichtbar. Noch längst konnten nicht alle Trümmer der vielen zerbombten Häuser beseitigt werden.

„Da wird sich der Gatte sicherlich freuen.“

„Ich bin nicht verheiratet“, sagte Maria und senkte den Kopf.

Der Arzt ließ die Mundwinkel sinken und lehnte sich in seinen Stuhl zurück. Er verschränkte seine Arme vor seiner Brust, presste seine Lippen zusammen und sah Maria ernst an.

„Sie sind nicht verheiratet?“

„Nein.“

Maria sah ihn noch immer mit gesenktem Kopf von unten an.

„Wissen Sie wenigstens wer der Vater ist?“

Sie riss den Kopf hoch.

„Natürlich weiß ich das – wo denken Sie hin? Was denken Sie von mir?“

Der Arzt schlug mit der flachen Hand auf seinen Tisch.

„Ich denke, dass Sie in diesen Zeiten, wo wir unser Land aufbauen und alle Kräfte mobilisieren müssen, nichts anderes im Sinn haben, als einen Bastard in die Welt zu setzen. Sie sind eine erwachsene Frau und verantwortungslos. Nehmen Sie sich ein Beispiel an den Trümmerfrauen. Die haben sich für Ihresgleichen aufgeopfert. Wissen Sie, was Sie sind?“

Er funkelte sie an.

„Ich weiß, wie man mich nennt.“

Sie vergrub ihr Gesicht in ihre Hände und schluchzte.

„Aber ich bin kein Flittchen.“

„Sehen Sie zu, dass Sie den Kerl heiraten, damit der Bastard wenigstens ehelich zur Welt kommt.“

 „Ich weiß nicht, ob das geht. Paul ist erst 18.“

Der Arzt lehnte sich in seinen Stuhl zurück und schüttelte den Kopf.

„Auch noch ein Minderjähriger. Der ist ja selber noch ein Kind. So etwas hat es zu meiner Zeit nicht gegeben“, sagte er leise. „Wie heißt denn der Kerl?“

„Paul.“

„Das sagten Sie bereits. Und weiter?“

„Paul  Kowalczyk“, antwortete sie leise.

„Kowalczyk.“ Der Arzt verdrehte die Augen. „Wo kommt der denn her?“

„Er ist direkt nach dem Krieg aus Polen vertrieben worden und mit seiner Familie nach  Hamburg gekommen“, sagte Maria.

„Aber er hat Arbeit“, schob sie hinterher.

Das Gesicht des Arztes wurde weicher.

„Sie werden Schwierigkeiten haben, eine Wohnung zu bekommen, wenn Sie nicht verheiratet sind“, sagte er. „Das wissen Sie doch wohl, oder?“

Maria nickte.

„Ja, ich weiß.“

„Sehen Sie zu, dass Sie heiraten. Sonst haben Sie einen sehr schweren Stand. Und Ihr Bastard auch. Noch haben Sie etwas Zeit, solange man nicht sieht, dass Sie in Umständen sind.“

Maria senkte den Blick und schluckte. Der Arzt musterte sie nachdenklich.

„Na, nun schauen Sie mal nicht so betrübt. Das wird schon werden“, sagte er und erhob sich hinter seinem klobigen Schreibtisch. Maria stand ebenfalls auf und wandte sich zum Gehen.

„Vielen Dank, Herr Doktor“, flüsterte sie und verließ die Arztpraxis.

 

Wie in Trance ging sie an roten Backsteinhäusern vorbei ohne sie zu registrieren. Den warmen sommerlichen Augustwind nahm sie nicht wahr und verlor sich in ihren Gedanken. Sie betrachtete ihre Füße wie sie einen Schritt vor den anderen setzten.

´Ich bin schwanger´, dachte sie. ´Ich bekomme ein Kind von einem Mann, den ich kaum kenne.´

Sie wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Mit der Gewissheit, dass sie schwanger war, spürte sie das Glück einer werdenden Mutter, aber auf der anderen Seite wusste sie nicht, wie Paul reagieren würde, wenn sie ihm von der Schwangerschaft erzählte.

´Ich muss es ihm sagen´, sagte sie sich. ´Ich kann jetzt nicht mehr warten. Heute Abend, wenn er mich besuchen kommt, sage ich es ihm.´

Plötzlich hörte Maria Kinderstimmen und sah sich um. Die Backsteinhäuser waren verschwunden und sie blickte über eine verwilderte Wiese. Hier standen keine Häuser und doch schienen hier irgendwo Kinder zu spielen. Die warme Sonne blendete sie und sie blinzelte in die Richtung, wo die Kinderstimmen herzukommen schienen und sie fühlte sich magisch von ihnen angezogen. Langsam ging sie auf die Wiese. Das hohe Gras kitzelte an ihren Waden und sie musste sich vorsehen, damit sie auf dem unebenen Boden nicht mit dem Fuß wegknickte. Sie strauchelte leicht und stapfte an wilden mannshohen Büschen und Brombeersträuchern vorbei, als sie sich den Kinderstimmen näherte. Sie gelangte auf eine kleine Lichtung und sah vier Kinder Fangen spielen. Es waren zwei Jungen und zwei Mädchen. Die Jungen trugen kurze Hosen und karierte Hemden, die Ärmel hochgekrempelt und die Mädchen Kleidchen und Kniestrümpfe. Maria sah ihnen eine Weile beim Spielen zu. Als die Kinder sie erblickten, hielten sie inne und starrten sie an. Unwillkürlich legte Maria ihre Hand auf ihren Bauch, als wollte sie ihr ungeborenes Leben spüren und lächelte den Kindern zu. Der größere von den Jungen ging einen Schritt auf Maria zu und stemmte seine kleinen Fäuste in die Hüften.

„Was willst du hier?“, fragte er sie und versuchte, sie böse anzufunkeln.

„Ich – ich – ich weiß nicht“, stammelte sie.

Noch immer hielt sie eine Hand auf ihren Bauch und sah den Jungen an. Er war schmutzig und roch streng. Auch die anderen Kinder waren schmutzig.

„Hast du Bauchweh?“, fragte eines der Mädchen.

„Nein. Wie kommst du darauf?“

„Weil du dir den Bauch hälst.“

„Ach so – nein.“

Maria ließ den Arm sinken.

„Hast du dich verlaufen?“, fragte das andere Mädchen.

„Nein. Ich habe euch gehört und war nur neugierig, was ihr hier tut.“

„Wir wohnen hier“, sagte der größere Junge.

„Hier?“, fragte Maria. „Ihr wohnt hier?“

„Ja, da drüben“, sagte ein Mädchen und deutete hinter sich. „Und da hinten wohnen noch mehr.“

Erst jetzt bemerkte Maria zwischen den Sträuchern eine kleine verfallene Hütte. Die Bretter waren notdürftig und schief zusammen genagelt, die Holztür hing in den Angeln. Neben dem Eingang stand eine Regentonne und um die Hütte herum  rankten Dornensträucher. Maria ging einen Schritt auf die Hütte zu, als sich der größere Junge vor sie aufbaute.

„Du hast hier nichts verloren“, schrie er sie an.

Jetzt funkelte er tatsächlich böse und wirkte wild entschlossen, sein Heim vor der fremden Frau zu beschützen. Maria zuckte zusammen und wich einen Schritt zurück.

„Nein. Natürlich nicht“, sagte sie und blieb stehen.

Der Junge presste die Lippen fest aufeinander und zog die Augenbrauen herunter. Seine kleinen Fäuste hatte er fest zusammengeballt und seine Arme zitterten leicht.

„Wo sind eure Eltern?“, fragte sie den Jungen.

„Mutti ist nicht da“, sagte ein Mädchen.

„Und euer Vater?“

„Abgehauen“, rief der größere Junge. „Keine Ahnung, wo der Alte ist. Und jetzt bin ich hier der Mann im Haus. Und ich sage dir: Verschwinde.“

Maria sah den schmutzigen Jungen an und legte wieder unwillkürlich ihre Hand auf ihren Bauch. Sie nickte dem Jungen zu und drehte sich um. Sie eilte den Weg zurück, den sie gekommen war. Sie achtete nicht mehr auf die Unebenheiten und die Dornensträucher. Sie drehte sich nicht mehr zu den Kindern um, die ihr schweigend hinterher blickten. Sie hatte Angst. Angst vor einer ungewissen Zukunft.