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Leseprobe

 

Männerfreundschaft

 

 

Prolog

 

Meinen Sitzplatz im Eiscafé hatte ich mir mit Bedacht ausgesucht, sodass ich die Eingangstür im Blick hatte. Niemand, aber auch wirklich niemand konnte hereinkommen, ohne dass ich es bemerkt hätte. Ich hielt einen historischen Roman in der Hand, unser Erkennungszeichen. Immer wieder ging mein Blick zur Eingangstür und erwartete eine schlanke Frau Mitte dreißig mit langen blonden Haaren. Meiner Natur entsprechend war ich überpünktlich. Genau genommen fast eine Stunde zu früh, denn schließlich wollte ich einen guten Eindruck machen und nicht gleich bei unserem ersten Treffen zu spät kommen. Sie dagegen schien es mit der Pünktlichkeit nicht so genau zu nehmen. Ich schielte vom Buch auf mein Handy, das empfangsbereit auf dem Tisch lag. Zehn Minuten über die Zeit und keine Nachricht. Kein „Sorry, ich stehe im Stau“ oder „Die U-Bahn ist entgleist.“ Nichts.

Schließlich begann ich etwas, das ich unbedingt vermeiden wollte: Ich begann tatsächlich zu lesen und vergaß die Tür zu überwachen.

 

„Noch einen Cappuccino?“

Ich schreckte auf und sah der Bedienung in ihre dunklen Augen, die mir die Sprache verschlugen. Ihre langen dunklen Haare waren zu einem Zopf zusammengebunden und ihre Lippen in einem dezenten Rot geschminkt. Ein schwarzes T-Shirt mit einem V-Ausschnitt und ein mittellanger schwarzer Rock betonten ihre Figur.

‚Genau mein Beuteschema‘, fuhr es mir durch den Kopf.

Ich hatte bereits drei Cappuccino und damit genug Koffein für eine schlaflose Nacht intus, doch dieser Blick und ihr Lächeln ließen mir keine andere Wahl.

„Ja, gerne“, lächelte ich zurück.

Sie schwebte davon und ich sah meinem Beuteschema schmachtend hinterher, als das Pling meines Handys meine Aufmerksamkeit forderte.

Ich verspäte mich etwas. Habe Geduld. In zehn Minuten bin ich da.

„Etwas ist gut“, brummelte ich, denn immerhin hatte mein Date bereits eine halbe Stunde Verspätung. Ich überlegte kurz, ob ich gehen sollte, beschloss dann aber doch, ihr eine Karenz von einer Cappuccinolänge zu geben und widmete mich wieder meinem Buch.

 

„Bist du Fury?“, säuselte eine Frauenstimme und katapultierte mich aus dem Mittelalter zurück in die Gegenwart. Noch etwas desorientiert sah ich in die blauen Augen einer kleinen, pummeligen Frau mit kurzen schwarzen Haaren. Sie zog ihre Jacke aus, hängte sie über den Stuhl und setzte mich mir gegenüber.

„Ich bin Rose79“, sagte sie strahlend und reichte mir ihre Hand zur Begrüßung über den Tisch.

„Äh … ja“, stammelte ich und nahm ihre Hand.

Im Geist gingen mir noch einmal die Fotos des Profils von Rose79 durch den Kopf, die mir sehr präsent geblieben waren, obwohl ich mit einigen Frauen auf diesem Datingportal geschrieben hatte. Sie zeigten eine schlanke, sportliche Frau mit langen blonden Haaren und diese Rose79 war das totale Gegenteil davon. Ich schielte in meine Cappuccinotasse. Sie war halbleer oder – in diesem Fall – halbvoll. Am liebsten hätte ich meine Rechnung bezahlt und wäre schreiend aus dem Café gerannt, doch ich presste die Lippen zusammen und starrte das totale Gegenteil meiner optischen Erwartungen an. Sie dagegen strahlte über das ganze Gesicht.

„Das ist ja schön, dass wir uns endlich mal persönlich sehen“, flötete sie, „wo wir doch schon so nett telefoniert haben.“

„Ja, sehr schön“, presste ich heraus, „aber irgendwie habe ich jemand anderes erwartet.“

„Überraschung“, rief sie und winkte mein Beuteschema zu sich.

„Ich hätte gern einen Latte Macchiato und einen Erdbeerbecher mit extra Sahne.“

„Extra Sahne?“, fragte ich und scannte unwillkürlich ihre üppigen Rundungen.

„Auf einem Bein kann man nicht stehen“, lachte sie und warf ihren Kopf in den Nacken.

„Aha … ach so. Wenn du meinst.“

„Ich heiße übrigens Andrea“, sagte sie und reichte mir erneut ihre Hand, die ich mechanisch noch einmal drückte.

„Andreas.“

„Ach, das ist ja süß“, rief sie. „Andrea und Andreas.“

‚Ja, sehr witzig‘, dachte ich. Unwillkürlich wanderte mein Blick zur Ausgangstür. Der Fluchtweg wäre frei.

Die Bedienung brachte Andrea den Latte Macchiato und das Erdbeereis, das sich irgendwo unter dem Berg Sahne befinden musste und zwinkerte mir zu. Augenblicklich wurde mir heiß und ich hatte das Gefühl, mein Gesicht leuchtete in einem strahlenden Rot.

„Die ist niedlich, oder?“, weckte mich Andrea aus meinem Tagtraum.

„Oh ja“, schoss es aus meinem Mund.

Andrea löffelte ihr Eis und betrachtete mich eine Weile mit einem Blick, der mich unangenehm berührte.

„Du kannst ruhig gehen, wenn du möchtest“, sagte sie schließlich. „Du musst nicht aus Höflichkeit bei mir bleiben.“

„Was? Wie?“, stammelte ich. „Nein … ist schon okay.“

Sie lachte. „Ach komm. Ich merke doch, dass es dir unangenehm ist. Ich bin öfter alleine im Eiscafé. Das macht mir gar nichts aus.“

„Du gehst alleine ins Eiscafé?“, fragte ich. „Warum?“

Sie zuckte mit den Schultern und schob sich einen Löffel Sahne in den Mund.

„Ach, weißt du“, sagte sie, „du hast es schon viel länger ausgehalten als die meisten anderen Männer. In der Regel bezahlen sie sofort und sind schon nach den ersten Hallo verschwunden.“

Ich legte meine Arme auf den Tisch und beugte mich zu ihr.

„Vielleicht solltest du es mal mit ehrlichen Bildern versuchen“, sagte ich. „Hast du deine Profilbilder aus dem Internet?“

„Die sind klasse, nicht?“, strahlte sie. „Das ist Lena, meine Freundin. Sie modelt ab und zu.“ Sie sah auf ihre Armbanduhr. „Sie müsste jeden Augenblick hier sein.“

„Lena?“, fragte ich. „Und sie kommt auch gleich?“

„Ich konnte ja nicht ahnen, dass du so lange bei mir hocken bleibst.“

„Ach“, machte ich und lehnte mich zurück. „Es war gar kein ernsthaftes Date geplant?“

„Nein. Eigentlich nicht.“

„Und was willst du dann hier?“

„Eigentlich“, sagte sie stockend, „habe ich bloß eine Wette verloren. Weißt du, ich verliere sämtliche Wetten. Ich weiß auch nicht, weshalb ich mich immer wieder auf Wetten einlasse. Ich …“

„Ich bin also das Opfer einer Wette?“, unterbrach ich sie, „einer Laune irgendwelcher durchgeknallter Weiber?“

„Na ja“, sagte sie mit dem vergeblichen Versuch, eine Unschuldsmiene aufzusetzen. „Wie gesagt: Die meisten sind spätestens nach zehn Minuten wieder weg.“ Sie sah mich lächelnd an. „Wieso nicht du?“

Ich lachte laut und klatschte in die Hände. „Ganz ehrlich? Ich habe keine Ahnung. Ich weiß auch nicht, weshalb ich mich auf diesen Blödsinn eingelassen habe.“

 

 

 

Auszug aus Kapitel 1 - Wie alles begann

 

...

 

Dirk, Eddy, Chris und ich kannten uns schon seit der Grundschule und waren enge Freunde. Wir wunderten uns selber immer wieder, wie vier Menschen beruflich so unterschiedliche Wege gehen konnten und sich dennoch nie aus den Augen verloren hatten.

 

Dirk war Arzt für Allgemeinmedizin, Chris – oder Christian – arbeitete im Tiefbau und hatte viele Jahre Fußball gespielt. Jetzt war er Trainer unserer Altherrenmannschaft. Eddy arbeitete als Verkäufer in einem Textilunternehmen und ich arbeitete bei einem Softwareentwickler im Marketing. Nicht nur unsere Berufe waren völlig unterschiedlich, sondern wir selbst waren es auch. Doch wer waren wir eigentlich?

 

Ich fange mal bei mir an. Nach meinem Betriebswirtschafts- und Informatikstudium habe ich bei einem Softwareentwickler angeheuert und arbeitete in der Marketingabteilung. Das hörte sich zunächst viel spannender an als es tatsächlich war, denn ich verbrachte den lieben langen Tag am Computer, bearbeitete Statistiken und evaluierte sie. Es waren andere Mitarbeiter, die aus meinen Ergebnissen neue Marketingstrategien entwickelten, präsentierten und sich die Lorbeeren einheimsten. Nun war es nicht so, dass mich das sonderlich störte. Ich arbeitete gerne für mich im stillen Kämmerlein und es gehörte nicht zu meinen Stärken, mich bei Präsentationen in den Vordergrund zu stellen. Das sollten Menschen machen, die dafür prädestiniert waren. Nur dieses eine Mal sollte ich meine Ergebnisse selbst präsentieren und vorstellen, doch ausgerechnet an diesem Morgen hatte ich mir den kleinen Zeh gebrochen, was in einem Desaster endete. Ich stammelte orientierungslos vor mich hin, fand die richtigen Worte geschweige denn zusammenhängende Sätze nicht und stand mit schmerzverzerrtem Gesichtsausdruck, der nur noch vom Leiden Christi übertroffen werden konnte, vor einer Horde hochbezahlter Menschen.

„Den sollten wir nicht mehr an die Front lassen“, las ich von den Lippen meines Chefs ab, was mein Selbstbewusstsein nicht gerade steigerte.

Aber nicht nur im Beruf, auch privat war ich eher der Eigenbrödler, der gerne Zuhause vor dem Fernseher saß oder auf der Couch lag und Musik hörte. Da war es natürlich schwierig oder fast unmöglich, andere Menschen bzw. Frauen kennenzulernen, um an so etwas wie Familienplanung zu denken. Einzig meiner Tollpatschigkeit war es zu verdanken, dass ich vor einigen Jahren Bettina getroffen hatte.

Ich war kurz vor Ladenschluss auf dem Weg zum Supermarkt, um mir meine Abendration Milch zu kaufen, weil mein Kühlschrank mal wieder komplett leer war. Ich fuhr mit dem Fahrrad auf den Parkplatz des Supermarktes als ich sie sah, wie sie sich tief in den Kofferraum ihres alten Fiat gebeugt hatte. Ihr Hinterteil zog mich magisch an. Offensichtlich war das schon immer so gewesen, doch diesmal wurde es mir zum Verhängnis. Im letzten Moment konnte ich zwar dem Einkaufswagen einer älteren Dame ausweichen, den Sturz jedoch nicht mehr verhindern. Als ich mich auf den Boden liegend umdrehte, sah ich die alte Dame kopfschüttelnd ihres Weges ziehen, während sich die junge Frau über mich beugte.

„Hast du dir weh getan?“, fragte sie.

„Ich habe mir das Knie aufgeschlagen, aber sonst ist alles gut“, sagte ich und lächelte sie gequält an.

„Was ist passiert?“, fragte sie. „Hat dich die alte Schachtel übersehen?“

„Ich glaube nicht. Ich glaube eher, dass du mich abgelenkt hast.“

„Ich?“ Sie zog eine Augenbraue hoch. „Ach so ist das. Du hast mir auf den Arsch geguckt.“

„Was? Ich … nein“, stammelte ich und das Blut schoss mir in den Kopf.

„Doch, hast du“, lachte sie. „Du bist ja süß.“

Ich wusste nicht, was daran nun sonderlich süß war, aber jedenfalls nahm das Schicksal damit seinen Lauf.

 

Dirk stammte aus einer Arztfamilie und es stand schon früh fest, dass er in die Fußstapfen seiner Eltern treten sollte. Anfangs hatte ich befürchtet, dass er nur seinen Eltern zuliebe Medizin studierte, doch dann wurde uns allen klar, dass er Mediziner mit Leib und Seele war. Während seines Studiums war er ein Sunny-Boy und Mädchenheld. Immer wieder schleppte er zu unseren Treffen ein anderes Mädchen an und mit der Zeit bemühten wir uns nicht mehr, uns ihre Namen zu merken. Bis er Viola anschleppte, eine kleine süße Blondine, die allerdings Haare auf den Zähnen hatte und plötzlich wurde aus dem Frauenhelden ein Wauwau, der um sie herumschlich und Männchen vor ihr machte. Wir konnten gar nicht so schnell gucken, wie sie sich ein Haus gebaut, zwei Kinder in die Welt gesetzt und einen Hund angeschafft hatten. Sie arbeitete in seiner Praxis als Sprechstundenhilfe, koordinierte seine Termine, führte die Telefonate mit den Krankenkassen und machte die Abrechnungen. Er bezeichnete sie als Seele der Praxis, während die von ihr drangsalierten Mitarbeiterinnen andere Formulierungen für sie parat hatten.

Dirk war ein empathischer Mensch und Arzt. Er hatte immer ein offenes Ohr für seine Patienten und nahm sich Zeit für sie, die er im Grunde genommen kaum hatte. Viola forderte ihn auf, die Patienten schneller durchzuschleusen, doch in diesem Punkt erreichte sie ihn nicht. Leider war das auch schon das einzige, wo er sich durchzusetzen wusste. Für Freitag konnte er sich auch nur deshalb mit uns verabreden, weil die Kinder bei seinen Eltern und Viola übers Wochenende mit einer Freundin unterwegs war.

 

Anders als Dirk war Chris Single mit Leib und Seele und aus vollster Überzeugung. Er glaubte nicht an das große Familienglück, was damit zusammenhängen konnte, dass sein Vater die Familie früh verlassen und seine Mutter permanent wechselnde Beziehungen hatte. Anfangs nannte er die Partner Papa in der Hoffnung, dass einer der zahlreichen Bewerber tatsächlich die Vaterrolle übernehmen würde, später weil er sich die Namen nicht mehr merken konnte. Er schmiss früh die Schule, konzentrierte sich auf eine mögliche Profikarriere als Fußballer und schaffte es tatsächlich zu einem Probetraining bei einem Profiverein, verletzte sich dann jedoch schwer am Knöchel. Letztendlich reichte es dann noch für eine Laufbahn bei einem kleinen Verein in den unteren Klassen und für eine Arbeit im Tiefbau.

Chris war ein attraktiver und gesprächsgewandter Mann, dem es nicht schwer fiel, an den Wochenenden eine Frau abzuschleppen, mehr aber wollte er auch nicht von ihnen. Manchmal traf er auf eine Frau, die ähnlich dachte wie er, was dann auch völlig unproblematisch war, aber es passierte auch, dass sich eine Frau in ihn verliebt hatte, was nach dem Wochenende tränenreich endete.

„Du bist schon eine ziemliche Sau zu den Mädels“, warfen Dirk und ich ihm immer wieder vor, doch er zuckte nur mit den Schultern.

„Ich sage ihnen von Anfang an, dass ich nur meinen Spaß haben will“, rechtfertigte er sich, „wenn sie dann trotzdem mitkommen kann ich auch nichts dafür“ und zu Dirk sagte er: „Du sei mal ganz ruhig. Bis Viola dich eingefangen hatte, warst du auch nicht besser.“ Ihn hatte er damit schon mal ruhig gestellt.

Ich habe mich immer gefragt, wie Chris und Dirk es anstellten, dass sie permanent eine andere Frau im Schlepptau hatten. Ich musste mich schon fürchterlich mit dem Fahrrad auf die Nase legen, um Eindruck zu schinden. Ihnen schienen sie reihenweise hinterher zu laufen und beide waren in regelrechter Konkurrenz miteinander, wenn wir gemeinsam unterwegs waren. Seit Dirk jedoch mit Viola zusammen war, hatte Chris freie Bahn.

 

Eddy war ganz anders als wir. Während Chris, Dirk und ich durchaus männliche Gardemaße hatten (wir maßen fast 1,90 Meter) war Eddy klein. Für einen Mann sogar sehr klein, gerade mal um die 1,65 Meter groß. Oder eben klein. Doch das war nicht der einzige Unterschied. Eddy war stockschwul. Es hatte allerdings einige Zeit gedauert, bis er seine eigene Sexualität für sich entdeckt und eingestanden hatte. Als Jugendlicher nahm er sich Chris und Dirk als Vorbild und versuchte Mädchen für sich zu gewinnen. Wir wunderten uns auch, dass ihm das nicht sonderlich schwer zu fallen schien, mit ihnen in Kontakt zu kommen. Er hielt Smalltalk, lachte und scherzte mit ihnen und sie schienen sich von diesem kleinen Jungen ausreichend beschützt und sicher zu fühlen. Vielleicht hatten sie seine Neigung bereits gespürt, lange bevor er selbst sie überhaupt entdeckt hatte.

Eines Abends saßen wir in einem Straßencafé. Eddy war sehr still und in sich gekehrt.

„Was ist los mit dir?“, fragte Chris. „Ist irgendjemand gestorben?“

Eddy schüttelte den Kopf und rührte in seinem Kaffee herum.

„Du gefällst mir auch nicht“, bekräftigte Dirk. „Mit dir ist doch was.“

Erneut schüttelte er den Kopf ohne uns anzusehen. „Nein, alles gut“, flüsterte er.

„Nun komm schon“, ermunterte ich ihn. „Wir sind doch nicht blöd. Wir sehen doch, dass du etwas mit dir rumschleppst.“

„Ich kann es euch nicht sagen“, klagte er. „Ich verstehe es doch selber nicht.“

„Erzähl mal der Reihe nach“, sagte Chris. „Wir hören dir einfach nur zu.“

„Und ihr werdet mich nicht auslachen?“

„Wir sind Freunde“, sagte Dirk. „Wir lachen doch nicht unsere Freunde aus. Wir helfen ihnen.“

Er holte tief Luft. „Ich habe doch am Wochenende dieses Mädchen getroffen. Erinnert ihr euch?“

Und ob wir das taten. Sogar Chris und Dirk hatten ihm neidisch hinterher gesehen, als er mit diesem Schuss von Mädchen durch die Tür verschwunden war.

„Wir sind dann zu mir und haben angefangen rumzuknutschen und zu fummeln.“ Er rührte noch immer in seiner Kaffeetasse herum  und warf uns kurze Blicke zu. „Na ja, und plötzlich wurde mir schlecht. Ich bin ins Bad und habe mich ganz schrecklich übergeben. Das war so peinlich.“ Wir sahen ihn wortlos an, auch wenn Dirks und Chris Lippen leicht zuckten, doch sie rissen sich zusammen. „Als es mir dann etwas besser ging, bin ich wieder zu ihr und wir haben weitergeknutscht, aber dann musste ich wieder weg. Es war ganz furchtbar.“ Er vergrub seinen Kopf in seine Hände. „Da nehme ich mal ein Mädchen mit nach Hause und dann passiert mir so etwas. Das kann doch nicht wahr sein. Ich verstehe das nicht. Ihr?“ Er sah uns aus tränenüberfüllten Augen hilfesuchend an. „Das ist doch nicht normaaaaaal.“

„Das arme Ding“, murmelte Chris mitfühlend, „so zu erfahren, dass man sie zum Kotzen findet, ist schon übel.“

„Vielleicht ist die Antwort ja ganz einfach“, sinnierte Dirk. „Vielleicht warst du einfach nur nervös.“

„Vielleicht bist du auch einfach nur schwul“, polterte Chris heraus. „Das würde zumindest das Kotzen erklären.“

Wir sahen Chris entgeistert an und fingen dann schallend an zu lachen. Wir klopften uns auf die Schenkel, bis wir Eddy bemerkten, der regungslos auf seinem Stuhl saß.

„Daran habe ich auch schon gedacht“, flüsterte er.

Augenblicklich hörten wir auf zu lachen und sahen ihn an.

„Echt jetzt?“, fragte ich. „Ich meine, glaubst du wirklich?“

Er zuckte mit den Schultern. „Na ja, es könnte doch sein, oder?“

„Für mich ist das kein Problem“, sagte Chris. „Du bist unser Freund und bleibst es. Und wenn dir jemand etwas will, dann hat er ein Problem. Klar, Jungs?“

„Na klar“, riefen wir.

So hielten wir es auch über all die Jahre hinweg. Wir lernten alle Freunde von Eddy kennen und nahmen sie genauso selbstverständlich in unseren Reihen auf wie die ganzen Mädchen von Chris und Dirk. Und natürlich Bettina.