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Ein Prinz, eine Prinzessin und ein gefährlicher Drache ...
Die Geschichte, die Vera von ihren Eltern an einem regnerischen Sonntag erzählt bekommt, hat alles, was ein Märchen braucht. Doch sie ist an diesem Tag noch nicht zu Ende erzählt. Zwei scheinbar voneinander unabhängige Lebensgeschichten nehmen ihren Lauf. Während Vera älter wird, wird aus dem Prinzen ein unerschrockener Drachenreiter, der scheinbar unüberbrückbare Differenzen von Völkern und Menschen bewältigt. Das Geheimnis der wirklichen Verbindung zwischen Vera und der Geschichte, die seit Urzeiten besteht, erschließt sich im Laufe ihres eigenen Lebens. Und was im Kleinen beginnt, hat am Ende das Potenzial, die Welt zu verändern … 

 

Taschenbuch 337 Seiten

Franzius Verlag, 27.06.2018

ISBN-10: 3960501323

ISBN-13: 978-3960501329

Preis: 16,90 €, eBook 6,99 €

 

Im Kreis des Drachen

 

Kapitel 1: Ein verregneter Sonntag

 

Die roten Zahlen auf dem Wecker konnten nicht lügen: fünf Uhr dreißig und es war Zeit aufzustehen. Mich irritierte nur, dass der Wecker heute keinen Ton von sich gab, doch dann dämmerte mir, dass Sonntag war und ich noch hätte weiterschlafen können. Aber ich war wach. Ich blinzelte durch das Halbdunkel des Schlafzimmers hinüber zu Steffi. Sie hatte die Bettdecke bis fast über ihren Kopf gezogen, sodass nur einige wenige ihrer blonden Locken sichtbar waren. Eine Weile lauschte ich ihrem ruhigen Atem, der mir verriet, dass sie noch tief und fest schlief, drehte mich dann schwerfällig und so leise wie möglich auf die andere Seite, um sie nicht zu wecken, und sah aus dem Fenster. Um diese Zeit sollte es eigentlich schon hell sein, doch dunkle Wolken versteckten die Sonne und der Regen trommelte mit aller Macht gegen das Schlafzimmerfenster.

 

Na toll, dachte ich. Da muss ich nicht arbeiten und dann so ein Wetter.

 

Ich hatte mich schon auf eine Fahrradtour oder einen ausgedehnten Waldspaziergang mit Steffi und Vera gefreut. Ich reckte und streckte mich und gähnte so leise wie möglich, dafür aber umso herzhafter und intensiver, sodass sich meine Gesichtsmuskulatur verkrampfte.

 

Ein leises Geräusch aus Richtung Schlafzimmertür weckte meine Aufmerksamkeit und ich hob langsam und bedächtig meinen Kopf, um die Ursprünge dieses Geräusches zu erkunden. Stück für Stück bewegte sich die Türklinke der Schlafzimmertür wie von Geisterhand nach unten und die Tür öffnete sich einen Spaltbreit. Ein brauner Haarschopf schob sich ganz langsam hindurch und zwei große Kinderaugen sahen mich hoffnungsvoll an.

 

„Ich kann nicht mehr schlafen“, flüsterte Vera, unsere zehnjährige Tochter. „Schlumpi kann auch nicht mehr schlafen. Dürfen wir zu euch ins Bett kommen?“

 

Sie hielt Schlumpi, ihren alten Stoffhund, der immer mit ihr im Bett schlief, demonstrativ hoch, um mir zu zeigen, wie wach auch er schon war.

 

Ich nickte müde. „Aber leise, damit du Mama nicht weckst, ja?“

 

Vera schlich um unser Bett herum, krabbelte zu mir und kuschelte sich fest an mich. Nach einer Weile kletterte sie über mich hinweg und legte sich zwischen Steffi und mich. Für einen kurzen Augenblick, aber aus Sicht eines Kindes eine gefühlte Ewigkeit, sah sie mich mit ihren kindlichen blauen Augen an.

 

„Papa, erzählst du mir eine Geschichte?“, bettelte sie betont leise, um Steffi nicht zu wecken. „Bitte, bitte“, schob sie sofort hinterher, um mir keine Gelegenheit für ein „Nein, jetzt nicht“ zu geben.

 

Ach herrje! Eine Geschichte!, dachte ich.

 

Das war eigentlich nicht meine Stärke und fiel eher in Steffis Aufgabenbereich. Hilfesuchend schielte ich zu ihr hinüber, aber der blonde Wuschelkopf rührte sich nicht und schnorchelte friedlich vor sich hin.

 

Plötzlich fiel mir eine Geschichte ein, die mir mein Vater erzählt hatte, als ich Kind war.

 

„Ich werde es versuchen“, flüsterte ich nach einer Weile. „Mal sehen, ob ich das noch zusammenbekomme.“

 

Vera strahlte durch das Halbdunkel des frühen Morgens und ich konnte das erwartungsvolle Blitzen in ihren Augen erkennen. Sofort kuschelte sie sich wieder fest an mich und legte ihren Kopf auf meine Schulter.

 

Oh mein Gott, dachte ich. Hoffentlich komme ich über den Einstieg hinaus.

 

Vom Wuschelkopf war jedenfalls keine Rettung zu erwarten.

 

„Also“, begann ich betont langsam. „Es war einmal …“

 

 Es war einmal ein großes Königreich mit Namen Ostland, das von einem König und einer Königin weise und mit Bedacht regiert wurde, und ihr Volk liebte sie dafür. Sie lebten in Frieden und Wohlstand und niemand wurde benachteiligt. Streitigkeiten schlichteten sie mit viel Weitsicht, sodass am Ende eines jeden Streits alle zufrieden nach Hause gingen.

  

 „Wie hießen denn der König und die Königin?“, fragte Vera und sah mich erwartungsfroh an. „Und warum hieß es Ostland?“

 

„Für gewöhnlich nennt man den König ›Mein König‹ und die Königin ›Meine Königin‹“, erklärte ich schlau. „Und es hieß Ostland, weil das Land im Osten lag.“ Ich hoffte, dass Vera sich mit diesen Erklärungen zufriedengeben würde, die nur dafür standen, dass mir die Namen nicht einfielen.

 

„Also“, fuhr ich fort.

 

„Der König und die Königin hatten eine Tochter. Sie war so alt wie du und sollte eines Tages, wenn ihre Zeit gekommen ist, den Thron besteigen und das Königreich regieren.“

 

„Wie hieß die Prinzessin denn? Prinzessinnen haben immer einen Namen“, behauptete Vera.

 

„So? Zum Beispiel?“

 

„Prinzessin Lillifee, Schneewittchen, Schneeweißchen und Rosenrot, Dornröschen …“

 

„Kim“, platzte es aus mir heraus.

 

„Prinzessin Kim? Was ist das denn für ein komischer Name?“, fragte Vera. „So heißt doch keine Prinzessin.“

 

„Doch, mein Schatz. Diese hieß so.“

 

Schmachtend dachte ich an Kim Wilde, eine Sängerin aus den 80er Jahren, deren lange blonde Mähne mich damals verzaubert hatte.

 

„So, Schatz, und jetzt unterbrich mich nicht immer.“

  

Das Königspaar wünschte sich noch einen Sohn, doch weitere Kinder waren ihnen nicht vergönnt.

  

„Warum nicht?“, unterbrach mich Vera.

 

„Weil mir für einen Prinzen kein Name mehr einfällt. Und jetzt sei still, ja?“

 

Schmollend legte Vera wieder ihren Kopf auf meine Brust und ich hoffte, jetzt meiner Erzählung freien Lauf lassen zu können.

  

Die Königin konnte keine Kinder mehr bekommen und so ruhten alle Hoffnungen auf Kim. Der König und die Königin hatten große Angst, dass ihr etwas passieren könnte. Nicht nur, dass dann die Thronfolge nicht mehr gesichert wäre: Sie hätten ihr einziges Kind verloren, das sie sehr liebten. Also versuchten sie alles, um sie zu beschützen und sie von der Welt außerhalb des Palastes fernzuhalten. Sie durfte den Palast nicht verlassen und mit niemandem aus dem Volk sprechen. Ihre Eltern wollten nicht, dass sie erführe, wie böse die Welt sein konnte. Ihr Zimmer befand sich in einem Turm, in dem …

  

„Das ist nicht Kim“, unterbrach mich Vera. „Das ist Rapunzel. Und das Märchen geht ganz anders.“

 

„Eben, Schatz. Dies ist nicht Rapunzel, sondern ein ganz anderes Märchen.“

 

Ich atmete tief durch und schielte hilfesuchend zu Steffi, die jedoch noch immer ruhig vor sich hin schnorchelte.

 

Kim verbrachte viel Zeit in ihrem Zimmer im Turm, die Zofe bemühte sich liebevoll um sie und spielte mit ihr. Der König und die Königin ließen es ihr an nichts fehlen, kauften ihr alle möglichen Spielsachen, verbrachten viel Zeit mit ihr, wann immer sie es einrichten konnten, spielten mit ihr, lasen aus Büchern vor und erzählten ihr Geschichten. Sie erhielt die besten Lehrer des Landes, damit sie alles lernte, was für sie wichtig war, um das Land später regieren zu können. Sie war schlau und wissbegierig und wollte immer mehr lernen. Im Laufe der Jahre hatte sie sich so viel Wissen angeeignet, dass ihr selbst die besten Lehrer nichts mehr beibringen konnten.

 

Nur von der Welt außerhalb des Palastes wusste sie nichts. Sie wusste nicht, wie Felder und Wälder rochen, wie sich die feuchte Nase einer Kuh anfühlte oder wie Schweine grunzend über ihren Trog Futter herfielen. Sie wusste nicht, wie Bauer und Bäuerin lebten und mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen hatten. Sie wusste nicht, wie sich Waldboden und Steine in den Bergen unter ihren Füßen anfühlten und kannte nicht das Gefühl der frischen Bergluft auf ihrem Gesicht.

 

Ich habe so viel Wissen, dachte sie häufig, doch vom Leben weiß ich nichts.

  

Je älter sie wurde und je weiter sie zu einer schönen jungen Frau heranwuchs, umso mehr brannte in ihr die Neugier, wuchs ihre Sehnsucht, die Welt außerhalb des Palastes kennenzulernen, und sie bedrängte den König und die Königin, ihr doch diese Welt zu zeigen.

 

„Wie soll ich die Menschen später regieren, wenn ich nichts über sie weiß?“, fragte sie. „Wenn ich ihre Sorgen und Nöte nicht verstehe?“

 

Ja, sie wollte die Welt und die Menschen kennenlernen, die sie später regieren sollte. Doch der König und die Königin ließen es nicht zu.

  

„Wir lieben dich wirklich über alles, mein Kind“, sagten sie immer wieder, „aber wir haben Angst um dich. Nicht alle Menschen sind gut und es gibt Menschen, die uns nicht wohlgesonnen sind. Hier im Palast fehlt es dir an nichts und du bist sicher.“

 

„Mir fehlt die Freiheit, die Luft zum Atmen. Ich habe nie mit anderen Kindern gespielt und ich will wissen, wie sie sind und wie sie leben. Ich will die Wälder, die Seen und die Berge unseres Reiches sehen“, bettelte sie.

 

Doch in diesem Punkt war das Königspaar unerbittlich. Sie glaubten, dass es richtig wäre, Kim zu schützen, zu behüten und die Grausamkeiten der Welt von ihr fernzuhalten. Und so verbachte sie ihre gesamt Kindheit und ihre Jugend im Palast.

 

Was nützt mir aller Wohlstand dieser Welt und all die Liebe meiner Eltern, wenn ich mich wie eine Gefangene fühle und meine Sehnsucht immer mehr wächst, die Welt in ihrer Vielfalt und Schönheit zu sehen?, dachte sie. Mag sie auch zum Teil böse und grausam sein, so muss sie aber doch schön sein, denn sonst könnte niemand glücklich sein. Und wo Böses ist, muss es auch viel Gutes geben.

  

In den zahlreichen Märchen, die ihr immer wieder erzählt und vorgelesen wurden, gab es immer einen Prinzen, der die Prinzessin rettete, und sie träumte davon, dass eines Tages jemand kommen und sie aus ihrem goldenen Käfig befreien würde. Sie spürte die Liebe ihrer Eltern, aber auch eine tiefe Sehnsucht, die sie nicht wirklich beschreiben konnte.

  

Ich machte eine Pause.

 

„Wie geht es weiter?“ fragte Vera und sah mich neugierig an. „Was passiert mit Kim?“

 

Ich hatte keine Ahnung und dachte angestrengt nach.

 

„Dazu kommen wir später“, hörte ich Steffi sagen und drehte mich zu ihr um. Dankbar sah ich in ihre tiefblauen Augen, die mich belustigt anschauten. Offensichtlich hatte sie mir und meiner Geschichte aufmerksam zugehört, ohne dass ich es bemerkt hatte. Vera fuhr herum, warf sich Steffi an die Brust und sah neugierig zu ihr hoch. Ich rückte weiter zu Steffi, sodass Vera uns beide spürte, und sah meinerseits Steffi neugierig an.

 

Jetzt kann die Geschichte Fahrt aufnehmen, dachte ich erleichtert, denn Steffi war eine richtig gute Märchenerzählerin.