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Leseprobe

 

Im Kreis des Drachen

 

Kapitel 1: Ein verregneter Sonntag

 

Die roten Zahlen auf meinem Wecker konnten nicht lügen: 5:30 Uhr und es war Zeit aufzustehen. Mich irritierte nur, dass der Wecker heute keinen Ton von sich gab, doch dann dämmerte mir, dass heute Sonntag war und ich hätte noch weiterschlafen können. Aber ich war wach. Ich blinzelte durch das Halbdunkel des Schlafzimmers rüber zu Steffi. Sie hatte die Bettdecke bis fast über ihren Kopf gezogen, so dass nur einige wenige ihrer knallrot gefärbten Locken sichtbar waren. Eine Weile lauschte ich ihrem ruhigen Atem, der mir verriet, dass sie noch tief und fest schlief, drehte mich dann schwerfällig und so leise wie möglich auf die andere Seite, um sie nicht zu wecken und sah aus dem Fenster. Um diese Zeit sollte es eigentlich schon hell sein, aber dunkle Wolken versteckten die Sonne und der Regen trommelte mit aller Macht gegen das Schlafzimmerfenster. 

´Na toll´, dachte ich. ´Da muss ich nicht arbeiten und dann so ein Wetter.´

Nichts war mit einer Fahrradtour oder einem ausgedehnten Waldspaziergang mit Steffi und Vera. Ich reckte und streckte mich und gähnte so leise wie möglich, dafür aber umso herzhafter und intensiver, dass sich meine Gesichtsmuskulatur verkrampfte.

Ein leises Geräusch aus Richtung Schlafzimmertür weckte meine Aufmerksamkeit und ich hob langsam und bedächtig meinen Kopf, um die Ursprünge dieses Geräusches zu erkunden. Langsam bewegte sich die Türklinke der Schlafzimmertür wie von Geisterhand nach unten und die Tür öffnete sich einen Spalt weit. Ein brauner Haarschopf  schob sich ganz langsam durch diesen Spalt und zwei große Kinderaugen sahen mich hoffnungsvoll an.

„Ich kann nicht mehr schlafen“, flüsterte  Vera, unsere zehnjährige Tochter. „Schlumpi kann auch nicht mehr schlafen. Dürfen wir zu euch ins Bett kommen?“

Sie hielt Schlumpi, ihren alten Stoffhund, der immer mit ihr im Bett schlief, demonstrativ hoch, um mir zu zeigen, wie wach auch er schon war.

Ich nickte müde. „Aber leise, damit du Mama nicht weckst, ja?“

Vera schlich um unser Bett herum, krabbelte zu mir und kuschelte sich fest an mich. Nach einer kurzen Weile kletterte sie über mich drüber und legte sich zwischen Steffi und mir. Für einen kurzen Augenblick, aber aus Sicht eines Kindes wohl eine gefühlte Ewigkeit, reckte sie sich auf und sah mich mit ihren kindlichen blauen Augen an.

„Erzählst du mir eine Geschichte?“, bettelte sie betont leise, um Steffi nicht zu wecken. „Bitte, bitte“, schob sie sofort hinterher, um mir keine Gelegenheit für ein „Nein, jetzt nicht“ zu geben.

´Ach herrje! Eine Geschichte!´, dachte ich.

Das ist eigentlich nicht meine Stärke und fiel eher in Steffis Aufgabenbereich. Hilfesuchend schielte ich zu ihr hinüber, aber der rote Wuschel rührte sich nicht und schnorchelte friedlich vor sich hin.

„Ich werde es versuchen“, flüsterte ich nach einer Weile. „Mal sehen, was mir einfällt.“

Vera strahlte durch das Halbdunkel des frühen Morgen und ich konnte das Blitzen in ihren Augen erkennen. Sofort kuschelte sie sich wieder fest an mich und legte ihren Kopf auf meine Schulter.

´Oh mein Gott´, dachte ich, ´hoffentlich komme ich über den Einstieg hinaus.´

Vom Wuschel war jedenfalls keine Rettung zu erwarten.

„Also“, begann ich betont langsam. „Es war einmal…“

 

Kapitel 2

Es war einmal … Prinzessin Kim

 

Es war einmal ein großes Königreich, das von einem König und einer Königin weise und mit Bedacht regiert wurde und ihr Volk liebte sie dafür. Sie lebten in Frieden und Wohlstand und niemand wurde benachteiligt. Streitigkeiten schlichteten sie mit viel Weitsicht, so dass am Ende eines jeden Streits alle zufrieden nach Hause gingen.

„Wie hießen denn der König und die Königin?“, fragte Vera und sah mich erwartungsfroh an.

„Für gewöhnlich nennt man den König mein König und die Königin meine Königin“, erklärte ich schlau und hoffte, dass Vera sich mit dieser Ausrede zufrieden gab, die nur dafür stand, dass mir keine Namen einfielen.

„Also“, fuhr ich fort.

Der König und die Königin hatten eine Tochter. Sie war so alt wie du und sie sollte eines Tages, wenn ihre Zeit gekommen ist, den Thron besteigen und das Königreich regieren.

„Wie hieß die Prinzessin denn? Prinzessinnen haben immer einen Namen“, behauptete Vera.

„So? Zum Beispiel?“

„Prinzessin Lillifee, Schneewittchen, Schneeweißchen und Rosenrot, Dornröschen…“

„Kim“, platzte es aus mir heraus.

„Prinzessin Kim? Was ist das denn für ein komischer Name?“, fragte Vera erstaunt. „So heißt doch keine Prinzessin.“

„Doch, mein Schatz. Diese hieß so.“

Tatsächlich dachte ich an Kim Wilde, der Sängerin aus den 80er Jahren, deren lange blonde Mähne mich damals verzaubert hatte.

„So, Schatz, und jetzt unterbrich mich nicht immer.“

Das Königspaar  wünschte sich noch einen Sohn, aber weitere Kinder waren ihnen nicht vergönnt.

„Warum nicht?“, unterbrach mich Vera.

„Weil mir für einen Prinzen kein Name mehr einfällt. Und jetzt sei still, ja?“

Schmollend legte Vera wieder ihren Kopf auf meine Brust und ich hoffte, jetzt meiner Phantasie freien Lauf lassen zu können, wenn sie mich denn ereilen sollte.